Schnee und Schnee

von Michael Jack

[12.01.10] Einer der wichtigsten Unterschiede zwischen dem Sauerländer und dem Ruhrgebieter besteht, so vermute ich, in den Assoziationen, die der Begriff "Schnee" hervorruft.

Der Sauerländer dürfte zunächst an Eiskristalle denken, die eine kahle und trostlose Herbstregion in eine malerische Winterlandschaft verwandeln, romantische Gefühle hervorrufen und die Aufrechterhaltung des Straßenverkehrs zu einer interessanten Herausforderung machen. Darüber hinaus lebt ein ganzer Wirtschaftszweig -- der Fremdenverkehr -- in meiner Heimat von Skifahrern, Rodlern und sonstigen Wintergenießern.

Der Ruhrgebieter dürfte zunächst, so meine Vermutung, an eine komplexe chemische Verbindung denken, an der zwar auch Wasserstoff und Sauerstoff beteiligt sind, aber eben auch etwas anderes. Ansonsten gibt es überraschend viele Parallelen: Auch der ,andere' Schnee ändert die Wahrnehmung der Landschaft und ruft dabei interessante Gefühle hervor. Die Aufrechterhaltung erfolgreichen Straßenverkehrs wird ebenfalls zu einer interessanten Herausforderung, und schließlich lebt auch von dem anderen Schnee ein ganzer Wirtschaftszweig -- und das sogar ganzjährig!

Folgerichtig ist man hierzulande die sauerländer Version des Schnees gar nicht gewohnt und zunächst irritiert, wenn plötzlich weißes Puder vom Himmel fällt. Nicht nur, dass man neulich bei ein paar Flöckchen bereits herumheulte und die angeblich katastrophalen Witterungsbedingungen als Entschuldigung für Abwesenheit von universitärem Lehrbetrieb vorschützte. Als es wirklich nennenswert zu schneien begann, also, auch nach sauerländer Maßstäben, und die Straßen Wattenscheids sich wirklich teilweise in Rutschpisten verwandelten, zeigte so mancher Autofahrer, dass er nicht mit den Elementen groß geworden ist.

Gutes Autofahren bei Schnee ist wie guter Sex: langsam und mit viel Gefühl. Ansonsten tut man, sagte mir mein alter Fahrlehrer Ende 1998, alles, was man tut, früher als sonst, wobei das vorausschauende Fahren dabei umso wichtiger wird. Nach meinem persönlichen Geschmack sind viele Pottler viel zu schnell unterwegs.

Der Grund dafür, dass ich diese Trivialitäten auswälze, ist natürlich klar: Normalerweise kann man als Wattenscheider für ein Kind des Sauerlandes nur Mitleid empfinden. Im Vergleich zur doch eher mondänen Existenzform in der Kulturhauptstadt 2010, wo man die Großstadt Essen und das Freilichtgruselkabinett Bochum direkt nebenan hat, ist das Leben bei mir daheim ziemlich öde, um nicht zu sagen: hintermondisch. Daher tröstet es mich, wenn ich einmal, ein einziges Mal etwas abgebrühter sein kann als die Wattenscheider, die sonst mit allen Wassern gewaschen, kurz: die allercoolsten sind.

Ich bezahle diesen Moment des Hauches von Genugtuung allerdings mit körperlichen Mühen: Mein Vermieter hat seine Streupflicht teilweise auf die Mietsparteien des Hauses abgewälzt (juristischer Fachbegriff), so dass ab und an auch ich 'ran muss. Verdammtes Sauwetter.





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